Wendepunkt
Coaching

Vom Tiefpunkt, der zum Wendepunkt wurde

 – über das gelebte, erlebte und erzählte Leben – und warum wir uns selbst oft erst rückwärts verstehen

„Das Leben kann nur rückwärts verstanden werden, muss aber vorwärts gelebt werden.”

— Søren Kierkegaard

Ein Geschäftsführer, nennen wir ihn Thomas, sitzt mir gegenüber. Vor zwei Jahren hat ihn der Aufsichtsrat aus der Position genommen, die er fünfzehn Jahre lang innehatte. Damals, sagt er, sei eine Welt zusammengebrochen. Heute leitet er einen kleineren Bereich. Weniger Macht, weniger Budget, weniger Titel.

Und dann fügt er eine Bedeutung hinzu:

„Wissen Sie, im Moment selbst war das eine Katastrophe. Aber rückblickend war es das Beste, was mir passieren konnte.”

Dasselbe Ereignis. Zwei völlig verschiedene Geschichten. Was hatte sich verändert? Nicht die Vergangenheit, sondern ihre Bedeutung

Genau darum geht es heute. Und darauf haben uns von Schlippe, A., & Schweitzer, J. (2024) gebracht.

Manche Gedanken begleiten uns über Jahrzehnte. Kierkegaards Satz gehört zu den Gedanken, die Menschen oft erst mit zunehmender Lebenserfahrung nachvollziehen können. Wenn wir Fragen stellen, die mit jeder Lebenserfahrung tiefer werden.

Denn wenn wir ehrlich sind: Die wichtigsten Ereignisse unseres Lebens verstehen wir selten in dem Moment, in dem sie geschehen. Wir leben, wir entscheiden, wir hoffen, wir zweifeln. Wir verlieren Orientierung und finden neue Wege. Erst später erkennen wir Zusammenhänge. Erst später entsteht Bedeutung.

Vielleicht beginnt hier eine der spannendsten Fragen über das Menschsein: Wo lebt eigentlich unser Leben? Im Körper? Im Erleben? Oder in den Geschichten, die wir über uns erzählen?

Drei Ebenen eines Lebens

Die Biografieforschung unterscheidet zwischen dem gelebten und dem erzählten Leben (Rosenthal, 1995).

Ich finde es hilfreich, eine dritte Ebene dazwischenzulegen, das erlebte Leben.

Das gelebte Leben ist die Ebene der Ereignisse. Hier geschieht das Leben: Menschen übernehmen Verantwortung, erleben Verluste, Erfolge, Abschiede. Unser Körper trägt diese Erfahrungen mit. Die moderne Gesundheitswissenschaft beschreibt den Menschen deshalb als biopsychosoziales Wesen (Engel, 1977). Bei Thomas war das die nüchterne Tatsache: eine Personalentscheidung, ein Datum, ein neuer Vertrag.

Das erlebte Leben liegt zwischen dem, was geschieht, und dem, was daraus wird. Zwei Menschen erleben dieselbe Situation; die eine als Bedrohung, der andere als Chance. Gefühle, Bewertungen und innere Dialoge bestimmen, wie wir auf das reagieren, was uns widerfährt. Für Thomas war es zunächst: Kontrollverlust, Kränkung, Angst.

Das erzählte Leben entsteht in Sprache, zwischen Menschen. Jerome Bruner (1990) beschreibt Identität als etwas, das wir narrativ organisieren. Wir verstehen unser Leben nicht allein durch Erfahrungen, sondern durch die Geschichten, die wir über diese Erfahrungen erzählen. Und genau diese Geschichte hatte sich bei Thomas verändert. Sie wandelte sich von der „Katastrophe” zum „Besten, was mir passieren konnte”.

Systemische und sozialkonstruktionistische Ansätze gehen davon aus, dass Sinn, Identität und Wirklichkeit nicht ausschließlich im Individuum entstehen, sondern auch in Beziehungen und Kommunikation ko-konstruiert werden (Gergen, 2009; von Schlippe & Schweitzer, 2024). Menschen formen Sprache. Und Sprache formt Menschen.

Wenn Geschichten ihre Orientierung verlieren

Besonders sichtbar wird dieses Zusammenspiel in Krisen. Krisen betreffen selten nur eine Ebene. Sie sind biopsychosozial.

Im gelebten Leben zeigen sie sich im Körper: Erschöpfung, Schlafstörungen, innere Unruhe. Im erlebten Leben entstehen Unsicherheit, Trauer, Zweifel. Und im erzählten Leben geraten vertraute Geschichten ins Wanken:

„Ich weiß nicht mehr, wer ich bin. So hatte ich mir mein Leben nicht vorgestellt.”

Niklas Luhmann beschreibt solche Situationen als Irritation bisheriger Erwartungen und Sinnstrukturen (Luhmann, 1984). Krisen erschüttern also nicht nur Ereignisse, sie erschüttern die Erklärungen, mit denen wir unser Leben bisher verstanden haben.

Und genau deshalb können Krisen zugleich schmerzhaft und entwicklungsfördernd sein. Sie markieren Übergänge. Sie laden dazu ein, neue Bedeutungen zu finden.

Was das für Führung, Coaching und Beratung bedeutet

Wer Menschen begleitet, begegnet selten nur Problemen. Wir begegnen Geschichten. Manchmal Geschichten von Verlust, manchmal von Hoffnung, manchmal solchen von Menschen, die ihre Orientierung verloren haben.

Vielleicht besteht professionelle Begleitung darin, Menschen zu helfen, zwischen den drei Ebenen zu unterscheiden:

  •      Was ist tatsächlich geschehen?
  •      Wie wurde es erlebt?
  •      Welche Geschichte wird darüber erzählt?
  •      Und welche Geschichte könnte ebenfalls wahr sein?

Diese letzte Frage hatte Thomas sich irgendwann selbst gestellt. Entwicklung entstand nicht, weil sich seine Vergangenheit veränderte. Sondern weil sich ihre Bedeutung veränderte.

Warum das gerade für Führung zählt

Hier lohnt eine Erweiterung, die über die persönliche Biografie hinausgeht. Denn was für einzelne Menschen gilt, gilt auch für Teams und Organisationen.

Organisationen erzählen Geschichten über sich selbst. Über vergangene Krisen („damals haben wir es geschafft”), über ihre Kultur („bei uns wird Klartext geredet”), über Veränderungen („das haben wir schon dreimal versucht”). Diese Geschichten sind keine reine Folklore. Sie steuern, was als möglich gilt und was nicht.

In Transformationsprozessen wird das entscheidend. Eine Reorganisation ist zunächst ein Ereignis im gelebten Leben der Organisation: neue Strukturen, neue Verantwortlichkeiten, ein Datum im Kalender. Wie sie erlebt wird – als Bedrohung oder als Aufbruch – entscheidet sich auf der zweiten Ebene. Und welche Geschichte das Unternehmen daraus macht, entscheidet darüber, ob aus dem Wandel Entwicklung wird oder Widerstand.

Führung heißt deshalb auch: an der erzählten Geschichte mitzuarbeiten. Indem man Räume öffnet, in denen eine andere, ebenfalls wahre Geschichte denkbar wird und nicht Realität schönredet.

Impuls der Woche

Nehmen Sie sich in den kommenden Tagen einen Moment Zeit – vielleicht nach einem schwierigen Gespräch, einer Entscheidung, inmitten einer Veränderung. Und fragen Sie sich:

  • Was geschieht gerade in meinem gelebten Leben?
  • Wie erlebe ich diese Situation?
  • Welche Geschichte erzähle ich darüber?
  • Und welche andere Geschichte könnte ebenfalls wahr sein?

Manchmal beginnt Entwicklung nicht mit einer neuen Lösung, sondern mit einer neuen Bedeutung. Und manchmal erkennen wir erst Jahre später, dass ein Umweg in Wahrheit ein Wendepunkt war.

Vielleicht meinte Kierkegaard genau das. Wir leben vorwärts. Doch zu verstehen, lernen wir oft erst im Rückblick.

Gedanke zum Mitnehmen

Krisen ereignen sich im gelebten Leben. Sie werden im erlebten Leben verarbeitet und sie werden im erzählten Leben verstanden.

Vielleicht liegt genau darin die Chance von Coaching, Beratung und Führung: Menschen dabei zu unterstützen, Ereignisse nicht nur zu bewältigen, sondern ihnen eine Bedeutung zu geben, die Orientierung, Zuversicht und Entwicklung ermöglicht.

Vielleicht leben wir mehrere Leben

Oft begegnen wir Menschen, die äußerlich dieselbe Person geblieben sind und innerlich doch eine andere geworden sind. In Coachings oder Ausbildung berichten sie, wie viele Leben sie bereits gelebt haben.

  • Da ist das Leben vor der Krise.
  • Das Leben vor der Trennung.
  • Das Leben vor der Führungsrolle.
  • Das Leben vor der Krankheit.

Das Leben vor dem Neuanfang, und dann gibt es das Leben danach. Manche Ereignisse wählen wir, andere werden uns zugemutet, mache erschüttern uns. Manche Ereignisse führen uns an Orte, die wir sonst niemals erreicht hätten

Gerade deshalb suchen Menschen in Coaches und Beratenden oft mehr als Fach- und Methodenwissen. Sie orientieren sich an Menschen, die eigenen Veränderungen begegnet sind. Menschen, die wissen, wie sich Neuausrichtung und Unsicherheit anfühlt. Und vielleicht ist das die eigentliche Kunst der Seniorität und die Bedeutung von Reife: Erfahrungen und ihre Bedeutung so zu integrieren, dass daraus Orientierung für sich selbst und andere entsteht.

Manche Geschichten brauchen ein Gegenüber, um neu erzählt zu werden

Wenn Du gerade selbst an einem Wendepunkt stehst – eine neue Rolle, eine Reorganisation, eine Entscheidung, die nachhallt – kann ein vertrauliches Sparring den Unterschied machen. Kein Ratschlag von außen, sondern Fragen, die Deinen eigenen Blick weiten.

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Und wenn Du zunächst für Dich selbst sortieren möchtest, wie es um Deine eigene Widerstandskraft steht:

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Quellen & weiterführende Literatur

Bruner, J. (1990). Acts of Meaning. Cambridge, MA: Harvard University Press.

Engel, G. L. (1977). The need for a new medical model: A challenge for biomedicine. Science, 196(4286), 129–136.

Gergen, K. J. (2009). An Invitation to Social Construction (2nd ed.). London: Sage.

Kierkegaard, S. (1843/1987). Entweder – Oder. München: Deutscher Taschenbuch Verlag.

Luhmann, N. (1984). Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Rosenthal, G. (1995). Erlebte und erzählte Lebensgeschichte. Frankfurt am Main: Campus.

von Schlippe, A., & Schweitzer, J. (2024). Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung I (4. Aufl.). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht

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